SCHRIFT

Hellerau ist Kandidat für die Weltkulturerbe -Liste der UNESCO. Welcher Gedanke steht hinter dem Titel? Wie läuft der Bewerbungsprozess genau ab? Welche Organisationen entscheiden worüber? In einer Artikelserie von Dr. Britta Rudolph und Marlen Hörenz lesen Sie Hintergrundinformationen zu Akteuren, Institutionen und Begriffen.


Teil 4: Das Welterbe und der Denkmalschutz

Oftmals glauben Anwohner oder Hauseigentümer, dass die Aufnahme einer Stätte in die Welterbeliste Auswirkungen auf die geltenden Denkmalschutzregularien und die praktische Denkmalpflege hat. Wie im letzten Artikel der Welterbereihe schon erwähnt wurde, gelten auch nach Erlangung des Welterbetitels für Hellerau weiterhin die nationalen Denkmalschutzgesetze, und die Siedlung genießt als Flächendenkmal bereits jetzt den höchsten Schutzstatus. Doch was ist so besonders an den Gebäuden in Hellerau? Wodurch und durch wen genau werden sie geschützt? Was bedeutet das für die Einwohner der zukünftigen Welterbestätte?

Bevor eine Stätte in die Welterbeliste aufgenommen wird, muss ein Außergewöhnlicher Universeller Wert der Stätte nachgewiesen werden. Die baulichen Zeugnisse müssen in einem sehr guten denkmalpflegerischen Zustand sein. Ebenso müssen sie die Voraussetzung der Authentizität (Echtheit) und Integrität erfüllen. Das heißt, dass die äußere Erscheinung und Beschaffenheit eines Gebäudes bei Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen immer möglichst originalgetreu erhalten werden und die heutige Nutzung weitestgehend der ursprünglichen entsprechen sollte.

 

Hellerau ist ein Zeugnis der verschiedenen Reformbestrebungen des frühen 20. Jahrhunderts und der innovativen Ideen seiner Gründerväter. Während der Blütezeit Helleraus existierten vielseitige Bestrebungen nach sozialer Gerechtigkeit, einem verstärkten Umweltbewusstsein, einer natürlichen und gesunden Lebensweise, Bildung sowie nach der Integration von Kunst, Harmonie und Rhythmus in das alltägliche Leben. Dies drückte sich unter anderem in der Architektursprache aus und ist bis heute in der städtebaulichen Struktur der Siedlung sowie in der Wohnarchitektur, im Festspielhaus-Ensemble und im Gebäudeensemble Deutsche Werkstätten Hellerau sichtbar. Diese bedeutenden Zeugnisse gilt es zu bewahren.

Auf der internationalen Ebene existiert keine Gesetzgebung für den Schutz und den Erhalt von Welterbestätten. Daher bleiben auch nach der Aufnahme Helleraus in die Welterbeliste die bestehenden nationalen Gesetze und Planinstrumente die Grundlage für alle Schutz-, Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen. Die Verabschiedung einer zusätzlichen Gesetzgebung ist nicht erforderlich und nicht geplant. Von Seiten der zukünftigen Welterbeverwaltung besteht dennoch die Verpflichtung zur Berichterstattung aller Entwicklungen innerhalb der Stätte, die eine Gefahr für den Erhaltungszustand darstellen könnten. Das UNESCO Welterbezentrum und der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) können Kontrollmaßnahmen in Form von Besichtigungen und der Einforderung von bestimmten Unterlagen durchführen. Zum Schutz und Erhalt der zukünftigen Welterbestätte kann der vorbildliche Umgang mit den Denkmälern durch alle Bewohner Helleraus einen entscheidenden Beitrag leisten. Daher ist es notwendig, dass die Denkmalbesitzer ihr Eigentum entsprechend der geltenden gesetzlichen Bestimmungen erhalten. Gemäß des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes müssen Instandhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen jeglicher Art immer durch die Untere Denkmalschutzbehörde genehmigt werden. Zudem unterliegen geplante Neu- und Erweiterungsbauten den rechtskräftigen Flächennutzungs- und Bebauungsplänen. In deren Aufstellung wird der Denkmalschutz stets einbezogen. Auch der Baumbestand ist auf der Grundlage der Baumschutzsatzung gesetzlich geschützt. Es wäre jedoch wünschenswert, dass sich die Bepflanzung der privaten Gärten stärker an der ortstypischen Baum- und Pflanzenwahl nach dem historischen Vorbild orientieren würde.

Leisten auch Sie einen entscheidenden Beitrag zur Denkmalpflege in Hellerau und wenden Sie sich bei geplanten Maßnahmen am eigenen Denkmal frühzeitig an die zuständige Untere Denkmalschutzbehörde. Dort können Sie sich beraten lassen und Fragen zum Genehmigungsverfahren vorab klären.

Kontakt: Frau Linda Thümmler (Amt für Kultur und Denkmalschutz, verantwortlich für das Ortsamt Altstadt und das Ortsamt Klotzsche, Hellerau, Weixdorf, Langebrück).


Teil 3: Wozu ein Welterbetitel?

Für die Bewerbung Helleraus um Aufnahme in die UNESCO Welterbeliste müssen Fachexperten und alle relevanten lokalen und kommunalen Stellen einbezogen werden. Nötig sind auch umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen sowie umfassende Konzeptionsarbeiten. Doch wozu dieser Aufwand? Wozu die entsprechenden, durch Spenden gedeckten, finanziellen Ausgaben? Wozu der Welterbetitel?

Das im Jahr 1972 verabschiedete UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt zielt darauf ab, Stätten mit einem außergewöhnlichen universellen Wert für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu erhalten. Ist eine Stätte in die Welterbeliste aufgenommen, wird sie durch die Anerkennung ihres herausragenden Wertes durch die Völkergemeinschaft zum Zeugnis der Menschheitsgeschichte. Die internationale Gemeinschaft ist dann für ihren Schutz verantwortlich. Der tatsächliche Schutz einer Stätte bleibt jedoch Aufgabe des jeweiligen Staates, und auch für Welterbestätten gelten die bestehenden Denkmalschutzgesetze der Länder als rechtliche Grundlage. Gemäß der deutschen Gesetzgebung genießt Hellerau als Flächendenkmal bereits den höchsten Schutzstatus. Welterbestätten werden immer mit verstärktem internationalem Interesse beobachtet. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie stetig von den Experten der UNESCO und ihren Beraterorganisationen kontrolliert werden.

Die Welterbekonvention als wohl bekannteste aller UNESCO Konventionen hat eine völkerverbindende und friedensstiftende Wirkung. Sie macht die kulturelle Vielfalt der Welt sichtbar und die Menschheitsgeschichte erlebbar. Als Welterbestätte soll Hellerau im Bilderbuch der Menschheitsgeschichte das Kapitel zur Lebensreformbewegung repräsentieren, die hier im frühen 20. Jahrhundert vielfältig gelebt wurde. Daraus hervorgehend steht Hellerau auch für den Aufbruch in die Moderne, der sich in der für die damalige Zeit besonders neuartigen Wohnbebauung und dem Festspielhaus als ersten bühnenlosen Theaterbau zeigt.

Oft wird angenommen, dass der Welterbetitel vor allem aus Prestigegründen angestrebt wird und damit der Steigerung der Bekanntheit und folglich der touristischen Nachfrage dienen soll. Obwohl die Bekanntheit einer Stätte durch den Titel steigt, steht vor allem immer ihr Schutz im Vordergrund. Dennoch steigen die Touristenzahlen nach Eintragung in die Welterbeliste erfahrungsgemäß in den ersten ein bis zwei Jahren an. Auf lange Sicht gestalten sich die Besucherzahlen in Abhängigkeit von den vorhandenen Attraktionen vor Ort und der Marketingaktivität der Koordinationsstelle. Aufgrund der besonderen baulichen Strukturen Helleraus und der darin verkörperten Geschichte sind moderate Steigerungen der Tourismusnachfragen zu erwarten. Dennoch sollten dietouristischen Serviceeinrichtungen erweitert und die Aktivitäten zur Vermittlung des Erbes optimiert werden. Auch bietet der Welterbestatus die Möglichkeit, die örtlicheInfrastruktur zu verbessern. Finanzielle Zuschüsse sind von Seiten der UNESCO und für gut erhaltene Stätten wie Hellerau kaum zu erwarten, da die Mittel des Welterbefonds vorrangig dem Erhalt besonders gefährdeter Stätten in Krisen- und Kriegsgebieten dienen. In Deutschland könnten jedoch nationale Förderprogramme für Welterbestätten finanzielle Unterstützung bringen.

Der Welterbetitel ist aber vor allem eine besondere Anerkennung, auf welche die Bewohner zu Recht stolz sein können. Denn sie alle tragen Tag für Tag zur Erhaltung dieses einzigartigen Erbes bei und stehen damit auch im Mittelpunkt der Bewerbung für den Welterbetitel. Die Bürgerinitiative zur Nominierung Helleraus ist sich dessen bewusst und hat sich umfassende Ziele gesetzt. So sollen die langfristige Verwaltung der Stätte sowie die denkmalgerechte Sanierung des Festspielhaus-Ensembles gesichert und die Bürger in alle Managementprozesse einbezogen werden. Ebenso werden gegenwärtig Konzepte für eine sensible Verkehrsleitung, Besucherführung und Vermittlung des Erbes entwickelt, die sicherstellen, dass das erhöhte Interesse an Hellerau entsprechend gesteuert werden kann.


Teil 2: Das Welterbe-Komitee und die UNESCO Welterbeliste

Vom 16. bis 27. Juni 2013 tagte das Welterbe-Komitee zum 37. Mal. Diesjähriger Tagungsort war Phnom Penh in Kambodscha. Mit 14 Kulturerbestätten und fünf Naturerbestätten wurden in diesem Jahr insgesamt 19 weitere Stätten in die Liste des Welterbes aufgenommen. Gegenwärtig umfasst die Welterbeliste 981 Stätten in 160 Ländern. Was hat es mit der Welterbeliste auf sich und wer genau entscheidet über die Aufnahme einer Stätte in die Welterbeliste?

 Die Welterbeliste unterliegt der „Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt". Die Welterbekonvention ist eines der wichtigsten Instrumente im Bereich des internationalen Denkmalschutzes. Seit 1978 wird die Welterbeliste geführt. Alle Stätten sind Aushängeschilder für den internationalen Denkmal- und Naturschutz, denn der Welterbestatus dient in erster Linie dem Schutz der Stätte und damit der Erhaltung. Durch ihren meist sehr guten Erhaltungszustand sind Welterbestätten Orte erlebbarer Geschichte.

Das Welterbe-Komitee ist ein zwischenstaatliches Gremium aus 21 Unterzeichnerstaaten der Welterbekonvention. Seit der Verabschiedung im Jahr 1972 haben 190 Staaten das Übereinkommen unterzeichnet. Das Komitee trifft sich einmal jährlich, um über die Aufnahme neuer Stätten auf die Welterbeliste zu entscheiden. Ebenfalls diskutiert es den Erhaltungszustand einiger bereits gelisteter Stätten. Bei besonderer Bedrohung stimmt es über deren Aufnahme in die „Liste des Welterbes in Gefahr" ab. Des Weiteren ist es die Aufgabe des Komitees, über die Verteilung von internationalen Finanzmitteln des Welterbefonds zu entscheiden sowie Zielsetzungen für die weitere Implementierung der Welterbekonvention festzulegen. Über die Aufnahme von Welterbestätten auf die Welterbeliste und die „Liste des Welterbes in Gefahr" entscheidet das Komitee auf Grundlage von Gutachten der drei Beraterorganisationen der UNESCO in Sachen Denkmal- und Naturschutz, ICOMOS, der internationale Rat für Denkmalpflege, IUCN, die Internationale Union für Naturschutz und ICCROM, ein Zentrum für Kulturerbeerhaltung in Rom. Während der Nominierungsphase von Stätten für die Aufnahme auf die Welterbeliste sind es die Experten von ICOMOS und IUCN, die die potentiellen Welterbestätten besuchen und fachliche Gutachten zur Welterbetauglichkeit, zum Erhaltungszustand und zum Management erstellen. Sie überprüfen, ob die Stätte den Nominierungskriterien entspricht, sowie die Anforderungen der Authentizität (Echtheit) und Integrität erfüllt. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden dann dem Komitee vorgetragen. Doch auch nach der Eintragung in die Welterbeliste gibt es verschiedene Mechanismen, um den Fortbestand des guten Denkmalschutzes und Managements zu prüfen. Auch hier entscheidet das Welterbe-Komitee auf Grundlage der Gutachten der Beraterorganisationen und der Stellungnahmen der jeweilig betroffenen Mitgliedsstaaten.

Neben den 21 Delegationen der Komiteemitglieder nehmen auch Vertreter aller weiteren Unterzeichnerstaaten der Welterbekonvention an den Sitzungen teil. Diese sind jedoch nicht zur Abstimmung berechtigt. Das UNESCO Welterbezentrum als Sekretariat empfängt die Bewerbungen und Stellungnahmen der Mitgliedsstaaten sowie die Gutachten der Beraterorganisationen und ist dadurch maßgeblich an der Zusammenstellung der notwendigen Dokumentenwerke und an der Organisation der Sitzungen beteiligt.

Von 2011 bis 2015 ist auch Deutschland Mitglied im Welterbe-Komitee und besitzt damit maßgebliches Mitspracherecht. Voraussichtlich wird Deutschland im Jahr 2015 Gastgeber der 39. Sitzung des Welterbe-Komitees sein. Kommendes Jahr findet das Treffen in Katar statt und kann auch dann wieder Online durch einen Webcast verfolgt werden.


Teil 1: Die Welterbe-Idee der UNESCO und das IHM – Institut für Heritage Management Gmbh

Die UNESCO ist eine zwischenstaatliche Organisation der Vereinten Nationen. Sie hat ihren Sitz in Paris. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht sie aus 195 Mitgliedsstaaten, das heißt Staaten wie die Bundesrepublik Deutschland, die der UNESCO beigetreten sind. Die Hauptaufgabenfelder der UNESCO liegen in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation. Im Vordergrund ihrer Arbeit steht vor allem die Förderung der internationalen Zusammenarbeit und der nachhaltigen Entwicklung, sowie zum Frieden auf der Welt beizutragen und die Armut zu verringern. „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden." Mit dieser Leitidee steht die UNESCO für Völkerverständigung, Humanität und die weltweite Sicherung von Menschenrechten und Rechtstaatlichkeit.

Im Jahr 1972 verabschiedete die UNESCO die Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt, einem internationalen Übereinkommen zum Schutz von Kultur- und Naturstätten. Der Kerngedanke der Konvention ist es, Stätten von universeller, kultureller Bedeutung als Erbe der gesamten Menschheit zu betrachten, unter Schutz zu stellen und an zukünftige Generationen weiterzugeben. Mit der Aufnahme in die UNESCO Welterbeliste liegt deren Bewahrung nicht mehr nur in der Verantwortung eines einzelnen Staates, sondern ist die Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft.

Seit dem Jahr 1978 werden Stätten als UNESCO Welterbe deklariert und in der Welterbeliste geführt. Gegenwärtig umfasst sie 962 Stätten in 157 Staaten. Grundvoraussetzung für die Aufnahme in die Welterbeliste ist der Nachweis des sogenannten Außergewöhnlichen Universellen Wertes eines Kultur- oder Naturdenkmals. Über die Aufnahme der durch die Mitgliedsstaaten nominierten Stätten entscheidet das Welterbe-Komitee. Es besteht aus 21 Mitgliedstaaten und tagt einmal jährlich. Unterstützt wird das Komitee durch seine Beraterorganisationen ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege), ICCROM (Internationales Zentrum zur Erhaltung von Kulturgut) und IUCN (Internationale Naturschutzunion). Die Beraterorganisationen ICOMOS und IUCN prüfen auch die Bewerbungsunterlagen und geben Empfehlungen über die Aufnahme, Wiedervorlage oder Ablehnung von Bewerbungen. Ein Nominierungsdossier dient vor allem dazu, den einzigartigen Wert der Stätte, ihren Erhaltungszustand sowie potentielle negative Zukunftseinflüsse darzulegen und zu zeigen, wie die lokalen Verantwortlichen mit diesen umgehen werden. Die Zusammenstellung der Unterlagen ist mit einem erheblichen zeitlichen Aufwand verbunden und umfasst umfangreiche Recherche- und Konzeptionsarbeiten.

Um die Bewerbung Helleraus für den Welterbetitel voranzubringen, wurde der Förderverein Weltkulturerbe Hellerau e.V. gegründet. Dieser beauftragte im vergangenen Jahr das IHM – Institut für Heritage Management GmbH, durch dessen fachliche Kompetenz die Antragserstellung gegenwärtig unterstützt wird. Heritage Management ist ein von der UNESCO generell verwendeter Anglizismus, der die Verwaltung und Administration von Kultur- und Naturerbestätten umschreibt. Das IHM wurde von drei Professoren, die an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus im Masterstudiengang World Heritage Studies (Welterbestudien) lehren, gegründet und hat Erfahrung in der Begleitung von UNESCO Nominierungsverfahren. Die Geschäftsführende Gesellschafterin Dr. Britta Rudolff ist bereits seit 2010 in die Vorbewerbung Helleraus auf Ebene des Freistaates involviert und arbeitet seither sehr eng mit den Hellerauer Initiatoren zusammen. Zusätzlich unterstützen zwei weitere Mitarbeiterinnen des IHM die Erstellung der Bewerbungsunterlagen.

Dr. Britta Rudolff, Marlen Hörenz

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