SCHRIFT

Eine Hellerauer Familie zieht im Urlaub regelmäßig in die Wohnung anderer Menschen. Gleichzeitig wohnt eine fremde Familie im Haus am Tännichtweg. Geht das immer gut? Hier ist ein Erfahrungsbericht von Holger Helas. Ein Interview mit Familie Helas zum Haustausch-Urlaub lesen Sie im Blättl Nummer 122 (erschienen im Februar 2020).

Ist es möglich, im Urlaub Abenteuer aus erster Hand zu erleben? Wie fühlt es sich an, drei Wochen in den vier Wänden einer anderen Familie zu wohnen? Wir haben diese positive Erfahrung 21 Mal gemacht. Seit sieben Jahren tauschen wir unser Haus mit Menschen aus Portugal, Finnland, Frankreich, Slowenien, Holland, Kanada oder nahegelegenen Städte in Deutschland.

Besonders gut erinnern wir uns an unsere Bleibe in Finnland. Da standen wir noch am Anfang unsere Haustauscherfahrung. Endlich war an unserem eigenen Haus alles fix und fertig, und wir konnten guten Gewissens ein neues Land erkunden. Getauscht wurde auch das Auto. Das Navi war durch Tauschpartnerin Riitta auf Deutsch eingestellt und führte uns in die Zielstraße mit dem Namen Kytöniityntie. Diese Melodie der Navi-Ansagerin war ab sofort das Zeichen, dass wir zu Hause waren. „Zu Hause“ sagen wir oft ab dem Moment, wo wir das erste Mal wieder zum Tauschhaus zurückkommen. Dieses Haus war ganz aus Holz. Das Erdgeschoß war um einen großen Ofen herum in alle Richtungen offen. Das Herz lag aber im Keller: der Saunabereich. Es ist zu erwähnen, dass der Tausch zwar im Juni war, aber die Tage ab und an auf der Höchsttemperatur bei 16 Grad verharrten und die Frequenz der Saunanutzung entsprechend angepasst war. Unsere Tauschpartnerin hatte auch dafür ein Kapitel im House Guide verfasst: „Nach dem Saunieren alles Holz mit lauwarmen Wasser übergießen und das Fenster zum Lüften öffnen.“ Ja, in der Sauna war ein Fenster, davor lag ein riesiger Raum mit TV und Fuß- und Wandheizung. Wir waren fast jeden Tag im Keller.

Um die Umgebung kennen zu lernen, unternahmen wir erste Spaziergänge und gingen dem Tipp nach, mit dem Fahrrad bis ans Meer zu fahren. Wir fühlten uns wie auf dem Weg von Hellerau in die Neustadt. Nur die Kleingärten hier hatten keine Lauben, nein, maximal einen Geräteschuppen. So wurde jede Lichtung im Wald genutzt, um Gemüse anzubauen. Keine 30 Minuten später waren wir in Helsinki und nur noch ein paar Straßen entfernt von der Ostsee. Unser Urlaub beginnt immer in ganz normalen Wohngebieten, mit den Tipps der Gastgeber.

Wir haben uns in der Zwischenzeit gefragt, ob unsere finnische Tauschpartnerin auch Hellerau mag? Wir hatten unseren Nachbarn gesagt, dass wir diese kuriose Tauschsache machen und dass sie sich nicht wundern sollen, fremde Gesichter zu sehen. Kaum waren wir zurück, erzählten unsere Nachbarn, dass Finnisch eine unglaublich schwer zu verstehende Sprache ist, dass es sie aber nicht abgehalten hat, gemeinsam mit unseren Tauschpartnern nach Freiberg und Meißen zu fahren. Wir haben uns sehr gefreut, dass es nicht viel braucht, selber einen glücklichen Urlaub zu erleben und dazu unseren finnischen Freunden einen schönen Aufenthalt zu verschaffen. Ein getauschtes Auto und Haus auf der Kytöniityntie, zwei Fahrräder und viele Tipps.

Die besten Tauschvereinbarungen waren selten die A-Touristenziele, sondern das abgelegen Dorf in Frankreich, die unbekannte Stadt in Belgien oder einfach mal irgendwo in Dänemark. Wir tauchen immer in eine andere Welt ein (einer sammelt tonnenweise Comics, ein anderer hat die Michael Jackson Vinyl Gesamtausgabe), vergleichen Haushaltsgeräte, hören Musik, bewerten Klempnerarbeiten, sehen, wie andere Kinder ihren Schulalltag strukturieren und schwatzen mit den Nachbarn.
Super ist es natürlich, wenn wir die andere Familie am Anfang oder besser noch am Ende treffen. Da kommen dann so lustige Sätze wie „Ihr Deutschen seid ja alle tätowiert?", „Eure Innenstädte sind so neu wie Disneyland!“, „Euer Nahverkehr ist Klasse!“, „Warum trennt Ihr dreifach Müll?“ oder „Spazieren durch Hellerau ist wundervoll!“

Unser letzter Tausch führte uns nach Creon nahe Bordeaux. Dort ist ein ehemaliger Bahndamm zu einer Fahrradstrecke ausgebaut, und im alten Bahnhof ist ein Fahrradverleih. Wir hatten den Tipp bekommen, auf das Festival „la piste sous les étoiles“ zu gehen. Jeden Freitag wurde im Sommer ein Fest mit Live-Musik an der Strecke gefeiert. Ab 18 Uhr wurden 100 Meter Biertischgarnituren aneinandergestellt. Links und rechts wurden Köstlichkeiten von Austern, Garnelen bis hin zum lokalen Wein verkauft. Die Bewohner kamen mit Picknick-Körben und Tischdecken. An unserem zweiten Freitag hatten auch wir eine Tischdecke dabei. Dann wurde laut geschwatzt, gewunken, wiedergetroffen. Die Menschen waren so offen und lebensfreudig. Als um 21 Uhr die Live-Band anfing zu spielen, wurde so leidenschaftlich getanzt, dass wir uns dachten, dass so etwas in Hellerau zwar etwas der Übung bedarf, aber unsere Gemeinschaft bereichern würde.

Es war die familiäre Atmosphäre, die solche Erlebnisse besonders machte. Wir waren keine Touristen, sondern eine Familie aus der Nachbarschaft. Für uns als Haustauscher ein liebgewonnener Moment der Zugehörigkeit. Diese Momente fehlen in dem heutigen Massentourismus, organisiert von globalen Unternehmen, die profitorientiert sind. In einem Text in der ZEIT (ttps://www.zeit.de/entdecken/reisen/2017-07/reisen-haustausch-buch/seite-3) haben wir folgenden treffenden Abschnitt gelesen:
„Die aufregendsten Momente der Tauscherei haben immer mit Türen zu tun. Wir atmen tief durch, bevor wir die eigene Tür bei der Abreise hinter uns zuziehen. Wir sind gespannt und aufgeregt, bevor wir die Tür zu unserer neuen, vorübergehenden Bleibe öffnen. Und wir sind ein bisschen ängstlich, wenn wir nach unserer Rückkehr aus dem Aufzug steigen und wieder vor unserer eigenen Wohnungstür stehen. Wird uns dahinter unser vertrautes Zuhause erwarten? Oder müssen wir mit ein paar leeren Räumen und einem Zettel rechnen, auf dem "Vielen Dank, ihr Trottel!" steht?“

Wir haben bisher ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Wenn, dann ging maximal ein Glas kaputt. In der Tauschvereinbarung wird ausgemacht, dass das Haus bei Abreise so zu hinterlassen ist, wie es vorgefunden wurde. Daran haben sich bisher alle Tauschpartner gehalten. Oft ist es eher eine freudige Überraschung, nach Hause zu kommen. Üblich ist es, eine Kleinigkeit als Gastgeschenk zu hinterlassen. Von uns gern geschenkt wird ein Herrnhuter Stern, der dann mit Fotonachweis bis in den Sommer hängt. Wir haben schon herrliche Tassen, selbstgemachte Marmelade und Gästebucheinträge über drei Seiten bekommen. In unserem Gästebuch erfahren wir, was unsere Tauschgäste erlebt haben. Alle mögen Hellerau. Die Spaziergänge im Wald, die schönen Häuser, die vielen Spielplätze oder der Ausflug mit dem Rad die Prießnitz entlang in die Neustadt.

Oft fragen wir unsere Nachbarn neugierig, wenn wir wiedergekommen sind: „Und, habt Ihr sie gesehen? Mit ihnen geredet?“ Für uns ist der Haustausch der Standard im Urlaub geworden. Mit drei Kindern bleibt der Urlaub bezahlbar. Wir bekommen mit den Tipps unserer Tauschpartner einen ganz anderen Zugang zu Regionen, in die wir sonst nie gereist wären.

Seit über 100 Jahren ist unsere Gartenstadt ein soziales Experiment. Raus aus den Hinterhöfen der Stadt rein in die Natur mit einem Garten zur Selbstversorgung. Lasst uns diesen schönen Fleck Erde mit mehr Menschen teilen. Seid mutig, probiert es aus.

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