SCHRIFT

25 Jahre ist es her, dass der Verein Bürgerschaft Hellerau gegründet wurde, laut Gründungsprotokoll am 20.März 1991. Aus diesem Anlass hatte der Verein am 20. März 2016 zu einem offenen Frühschoppen in die Waldschänke eingeladen. Und viele kamen. Margit Springer, Vereinsmitglied der ersten Stunde, war gebeten worden, eine kurze Ansprache zu halten. Im Folgenden ist ihr Redemanuskript widergegeben:

Liebe Vereinsmitglieder, liebe Gäste, liebe Freunde des Vereins,

herzlich willkommen zum Frühschoppen aus Anlass der Gründung unseres Vereins „Bürgerschaft Hellerau e.V.“

Ich wurde gebeten, etwas über den Anfang des Vereins zu sagen, da ich ja von Anfang an dabei war. Ja, das stimmt, das war ich -  und wie! Ich habe deshalb in den alten Vereinsunterlagen, die ich gesammelt habe, herumgestöbert, um das Gedächtnis aufzufrischen. Das hat mich so beschäftigt, dass die alltäglichen Pflichten ins Hintertreffen geraten sind.

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Der Anfang liegt im Sommer 1988, als sich eine Gruppe von Hellerauern – 19 Leute waren es genau - zusammenfand zu einer Art Bürgerinitiative, um sich gegen eine gravierende bauliche Veränderung an einem Riemerschmid-Reihenhaus zur Wehr zu setzen. Von einer Behörde genehmigt, eine andere übergangen, von einer übergeordneten nicht genehmigt, wurde der Bau dennoch errichtet. Unser Bemühen war also vergeblich, möglicherweise hatte sich die zweite oder gar erste? Macht im Staate durchgesetzt. Herausgefunden haben wir die Hintergründe nie ganz genau, obwohl – man höre und staune - die sozialistische Presse sich sogar für uns eingesetzt hat. Letztendlich aber war das der Ursprung unseres Vereins, denn ohne diesen Anfang gäbe es heute nicht diesen Verein. Irgendwie blieben wir unangefochten und wurden im März 1989 dann sogar offiziell als „Interessengemeinschaft Hellerau im Kulturbund der DDR“ anerkannt. So blieben wir unter diesem Namen weiter tätig. Eine lange, interessante Sache – ich habe die alten Schreiben mitgebracht – sie zeichnen ein interessantes Bild dieser Zeit –  vielleicht auch ein interessantes Gesprächsthema für den Vormittag.

Dann kam der 9. November 1989 und alles wurde anders wie wir alle wissen. Deshalb muss ich noch über ein anderes Kapitel „Anfang“ sprechen, nämlich die Gründung des Bürgerkomitees Hellerau.  Wieder im März, diesmal am 21. März 1990 versammelte sich die IG Hellerau, um zu beschließen, sich zu wandeln und sich als Bürgerkomitee beim Rat der Stadt, Abt. Inneres eintragen zu lassen.

Wir waren uns einig, dass es für Hellerau eine überparteiliche Interessenvertretung geben musste, die Einfluss nehmen konnte auf kommunale Entscheidungen und die die Bürger unterstützen konnte. Deshalb wollten wir mitmischen auf der politischen Bühne, uns mit Hellerauer Kandidaten für die Kommunalwahlen, die im Mai anstanden, aufstellen. Wir haben es mit einem ungeheuren Kraftakt geschafft, drei Kandidaten für die Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 aufzustellen. Liste 4 – Bürgerkomitee Hellerau – mit den Kandidaten Volkmar Springer, Erhard Löffel und Andreas von Löwis - mit 0,58% der Stimmen errangen wir dank der Minoritätenklausel ein Stadtverordnetenmandat!  Das war ein Hochgefühl!  Auch diese Unterlagen habe ich zusammengestellt und für Sie ausgelegt. Wir haben damals bis zur Erschöpfung gearbeitet – man durfte nicht nachlassen, alles musste schnell gehen – drei Wochen vor dem Wahltermin hatten wir das Plakat in den Händen – 365 Stück – 440 Mark der DDR - die galt es zu verteilen, zu hängen usw., wir wollten ja wahr genommen werden  – in der Eile hatten wir sogar das Datum vergessen. 

Die Hellerauer zu unterstützen war auch bitter nötig, wie sich nach der Währungsumstellung schnell herausstellte. Mit der Einrichtung eines Ortsteilbüros des Stadterneuerungsamtes in Hellerau  konnten wir manche Hellerauer vor allzu spontanen „Verschönerungen“ an ihren Häusern bewahren. Ein Beispiel einer solch spontanen Verschönerung gibt es noch heute in Hellerau – Namen nenne ich natürlich nicht – nur dass es eine Tür ist. Dietmar Knoll hat dieses Büro geführt bis die kommunalen Ämter eingerichtet, funktions- und entscheidungsfähig waren. An diese Stelle gehört unbedingt noch der Name unseres Vereinsmitgliedes Peter Michelis – ein Hamburger Architekt, der ganz schnell noch 1990 nach Dresden kam, das Stadterneuerungsamt aufbaute und sich ganz besonders für Hellerau engagierte. Auf seine Initiative entstand der „Arbeitskreis“ Hellerau, der im Februar 1991 schon seine 6. Sitzung! hatte – neben Vertretern der städtischen Ämter gehörten ihm drei Mitglieder unseres Bürgerkomitees  an. Dies war eine segensreiche Angelegenheit, eine Art Schutzschild für die Gartenstadt.

So allmählich fing alles an zu laufen, das Bürgerkomitee hatte Zuwachs aus dem Neuen Forum bekommen und es hatte in kurzer Zeit viel geleistet – die Bürger Helleraus – denke ich – waren ganz dankbar für diese Informations- und Beratungsmöglichkeit  - Sie  hatten uns als Institution gebucht. Doch aus dieser Rolle mussten wir wieder raus – mit der Arbeit der neu eingerichteten Ämter war unsere Arbeit nun nicht mehr in dem Maße wie bis dahin nötig und auch rechtlich gab es ja dafür keine Grundlage. Es hat allerdings eine Zeit gebraucht, um das den Hellerauern verständlich zu machen. Bis heute bekommen wir Anfragen mit diesem Verständnis vom Verein Bürgerschaft Hellerau. Informieren, Aufklären, Hilfe geben – das gehört natürlich zu unserem Selbstverständnis – auch heute.

Schon ein Jahr später, 1991, war die Zeit des Bürgerkomites also schon wieder vorbei. So kam es dann zu dem Entschluss am 20.März 1991, sich in einen eingetragenen Verein zu wandeln. Sollten wir uns noch einmal wandeln wollen, schlage ich vor, uns Frühlingsverein zu nennen, denn immer um den 20. März – Frühlingsanfang - fanden alle drei Gründungen statt.

Falls jemand sich wundern sollte: Nach außen und auch bis zur 10. Ausgabe vom Blättl traten wir bis zum September 1992 noch als Bürgerkomitee auf. Erst mit der Eintragung ins Vereinsregister am 17. September 1992 - also eineinhalb Jahre später – waren wir de jure der Verein Bürgerschaft Hellerau. Das Gründungsprotokoll trägt das Datum 20. März 1991 - es ist die Vereinsgründung de facto als Willensbekundung der Mitglieder des Bürgerkomitees Hellerau.  Erhard Löffel war der erste Vereinsvorsitzende, der mit viel Idealismus im September 1992 einen Aufruf verfasste und um Mitgliedschaft bei den Hellerauern warb.   

Da sind wir bei der Mitgliederentwicklung!

1988 waren wir 19 Leute – nur acht von denen sind heute noch Vereinsmitglieder – 1990 zur Gründung des Bürgerkomitees 1991 etwa ebenso viele und zur Gründungsversammlung des Vereins waren wir immer noch weniger als 20 Leute.  Erst der Aufruf brachte uns neue Mitglieder, 1993 zur Jahreshauptversammlung des Vereins hatten wir es immerhin auf 59 Mitglieder gebracht. Heute sind wir 142 Mitglieder.

Das war also der Anfang – es war ein Anfang mit viel Elan von wenigen, die sich sehr ambitioniert für Hellerau einbrachten. Ich denke, es hat sich gelohnt. Das Anliegen von damals ist auch heute das Anliegen des Vereins – gewissermaßen das Band, das uns umschlingt und eint – und natürlich im Statut des Vereins verankert ist. Die Gartenstadt Hellerau liegt uns am Herzen, und wir wollen das  Bewahrenswerte, das ihre Gründer uns, den nachfolgenden Generationen, vererbten, erhalten. Die Bemühungen, das epochemachende Experiment Gartenstadt Hellerau als Weltkulturerbe zu verankern, die vielen Studentengruppen und Touristen scheinen das zu bestätigen.

Eine Rückschau auf die vielen Jahre Vereinsgeschichte will ich nicht machen, denn ich bin gehalten, nur „ein paar Worte“ zu sagen. Nur so viel: Wir haben eine Menge auf die Beine gestellt und konnten trotz Höhen und auch Tiefen den Verein erhalten. Auch das erforderliche ehrenamtliche Arbeiten erschöpft mitunter. Und Missstimmungen soll es angeblich mitunter auch geben. Vielleicht verschreibt uns mal jemand ein gemeinsames Motivationstraining. An Arbeit hat es noch nie gemangelt, eher an Mitgliedern. Ein großer Verein sind wir in genau genommen 28 Jahren Daseinsgeschichte nicht, denn die Hellerauer beweisen bis heute eine hartnäckige Vereinsresistenz und leider auch Veranstaltungsbesuchsresistenz– ganz anders diejenigen, die seit den 90er Jahren zugezogen sind. Woran das liegt, kann man nur vermuten – irgendwie bleibt es ein Geheimnis. Vielleicht auch ein interessantes Gesprächsthema für den Vormittag?

Hier sind wenigstens noch ein paar Schlaglichter aus der Vereinsarbeit der Vergangenheit:

Wir haben im Anfang immer wieder Bürgerversammlungen organisiert, um zu informieren und Fragen zu beantworten.

Wir haben die Beräumung des Hellers von den unsäglichen Kohlevorräten und die Wiederaufforstung erreicht.

Wir konnten verhindern, dass aus den ausgesandeten Gruben auf dem Heller Mülldeponien gemacht wurden – stellen Sie sich das vor: im ersten Entwurf des Flächennutzungsplanes war das als Nutzung vorgesehen.

Wir haben uns – erfolgreich – gegen die Schließung der Hellerauer Schule gewehrt.

Wir haben erreicht, dass die Stadt die ehemalige Gärtnerei Am Pfarrlehn gekauft hat und dort ein modernes Stück Hellerau entstehen konnte.

Auf unsere Initiative hin wurde eine Baupflegekommission ins Leben gerufen, die für die Stadt über die Jahre ihres Bestehens eine wichtige Entscheidungshilfe war. Aus fadenscheinigen Gründen wurde sie leider aufgelöst.

Die   Beeinträchtigung der Lebensqualität in Hellerau durch Fluglärm war unser Thema ebenso wie die Belastung Helleraus mit Lärm und Abgasen durch das Braunkohleheizkraftwerk auf dem Heller.

Wir haben uns mit der Verkehrsplanung beschäftigt, uns für das Verschwinden von Telefonmasten stark gemacht, die Falken am Wasserturm haben uns beschäftigt, die Offenlegung des Klotzscher Dorfbaches, die jährliche Krötenwanderung zum Gondler und ebenso auch immer wieder die Waldschänke.

Wir haben große Jubiläen gefeiert: 90 Jahre Hellerau und mit „Portrait nach 100 Jahren“ ein wunderbares Kunstprojekt zum Hundertsten.

Und wir haben weiterhin eine Menge Themen und Pläne, mit denen wir uns beschäftigen wollen für Hellerau und die Hellerauer – und wenn uns die arbeitswilligen Mitglieder nicht ausgehen, könnte es durchaus sein, dass wir in Zukunft wieder ein Jubiläum feiern können.

Danke!

 

Noch ein Nachsatz: Ich bitte Sie, mir zu verzeihen, dass ich sehr Vieles gar nicht erwähnt habe – 25 Jahre sind eben ein lange Zeit – ich habe in den 106 Blättl-Ausgaben viel gelesen und war selbst erstaunt, was der Verein alles auf die Beine gestellt hat. Wenn Sie wollen, können Sie sich davon selbst überzeugen und in den  ausgelegten Schriftstücken und Vorgängen stöbern. Auch eine Gesamtausgabe des Blättls steht Ihnen zur Verfügung – allerdings mit der Bitte, sie vollständig zu lassen. Gerne können wir Ihnen etwas kopieren oder, falls vorhanden auch aushändigen. Viel Spaß für die nächsten Stunden!

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