SCHRIFT

Wissenswertes zur Geschichte und Kultur von Hellerau

Ein Beitrag von Werner Thiele, Bernried. Dieser Beitrag wurde im August 2011 auch im Magazin "Der Aktiensammler" veröffentlicht.

Der Handwerker und Künstler Karl Schmidt konzipierte und errichtete, unter anderen mit dem Schriftsteller Wolf Dohrn, Anfang des vorigen Jahrhunderts den Ort Hellerau. Zugrunde lag die Idee der Gartenstadt von Ebenezer Howard, einem englischen Büroangestellten und Visionär. Die Gartenstadt sollte eine unabhängige Stadt und nicht nur ein Vorort sein, mitten im Grünen liegen und Wohnsiedlungen, Fabriken und ein Kulturangebot vereinen. In Hellerau wurde das 1:1 umgesetzt.

 

Karl Schmidt (1873-1948), im erzgebirgischen Zschopau geboren, erlernte dort den Tischlerberuf. Nach den damals üblichen Lehr- und Wanderjahren gründete er 1898 in Dresden seinen ersten Tischlereibetrieb, die Dresdener Werkstätten für Handwerkskunst. Schmidt war sehr einfallsreich, er verband Handwerk mit Kunst, Erfolge stellten sich schnell ein. 1907 schloß er sich mit den Münchener Werkstätten für Wohnungseinrichtungen zusammen, es entstanden die Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst G.m.b.H. , der Betrieb war in Dresden-Blasewitz ansässig und nun viel zu klein und beengt. Karl Schmidt suchte nach Auswegen.

Er war ein fortschrittlicher Unternehmer und brauchte gesunde und motivierte Arbeiter. Deshalb suchte er außerhalb der Stadt Dresden ein Gelände für seine Firma und eine Werkssiedlung, denn seine Arbeiter sollten ausgeruht im Betrieb erscheinen. Er wurde schließlich fündig. In seinen Erinnerungen zur Gründung von Hellerau heißt es dazu:

„Der Betrieb war unterdes auf 250 Mitarbeiter angestiegen. Das machte den Bau eines eigenen Fabrikgeländes immer notwendiger. Nachdem ich an einem Sonntagvormittag, vom alten Dorf Klotzsche den Kirchsteig herunterkommend, das Klotzscher-Rähnitzer Gelände gesehen hatte, war ich begeistert von dem Gelände, das über 100 m über der Stadt liegt, ...das schwierigste war, die 42 Klotzscher Landbesitzer und 31 Rähnitzer unter einen Hut zu bringen. Das hat etwa ein Jahr gedauert.“

Schmidt kaufte nun, wie oben beschrieben, am nördlichen Stadtrand von Dresden 140 Hektar Land zum Preis von 1,75 Millionen Mark auf. Diesen Grund und Boden brachte er in die neugegründete Gartenstadt Hellerau GmbH ein, die für 15.000 Menschen ideale Wohnbedingungen schaffen sollte. Das Projekt ruhte auf drei Säulen:

-die Gartenstadtgesellschaft mit den Gründern (u.a.) Karl Schmidt, Wolf Dohrn und Richard Riemerschmidt (München), gegründet am 4. Juni 1908, Aufgabe: Leitung des späteren Landhausviertels und des Marktplatzes, sowie der Reserveflächen

-die Baugenossenschaft Hellerau eGmbH, gegründet am 10. September 1908, Aufgabe: Schaffung des Kleinhausviertels, also des Arbeiter- und Angestelltenviertels

-die Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst mit dem Werksgelände (die Geschichte der Deutschen Werkstätten ist so interessant, das sie nach einen eigenen Artikel verlangt)

Diese drei Gesellschaften teilten sich den Grundbesitz entsprechend ihren Aufgaben auf, den Löwenanteil hatte die Gartenstadtgesellschaft. Für alle drei galt das Grundprinzip: „Im Vordergrund der Gründung steht das wirtschaftliche Problem: Die Ausnutzung des steigenden Bodenwertes für die Gesamtheit der Helleraubewohner. Dazu werden die Dividenden der bodenbesitzenden Gesellschaften auf 4% beschränkt. Aller Gewinn über 4% muss für die Gesamtheit Verwendung finden.“ *

Die Baugenossenschaft Hellerau e.G.m.b.H.

Das Ziel der Baugenossenschaft war der Bau von Kleinhäusern. Das notwendige Land erhielt die Genossenschaft von der Gartenstadtgesellschaft zum Selbstkostenpreis. Alle Häuser waren an die Kanalisation angeschlossen, besaßen ein Innenklosett, einen Gasanschluss und elektrisches Licht.

Die Mitgliedschaft in der Baugenossenschaft Hellerau erhielt man durch den Erwerb von Anteilen zu je 200 Mark oder mit wöchentlichen Raten zwischen 50 Pfennig und 3 Mark zu 4% Verzinsung. Der Mietvertrag war unabhängig zum Arbeitsvertrag mit den Deutschen Werkstätten. Weiterhin durfte die Baugenossenschaft einen Mieter nicht kündigen, solange er Mitglied derselben war. Jeder Genossenschaftler besaß eine Stimme, gewählt wurden der Vorstand und der Aufsichtsrat. Der erste Vorstand bestand aus fünf Personen, darunter Karl Schmidt und Wolf Dohrn. Der Aufsichtsrat hatte neun Mitglieder, mit Berufen vom Hofarbeiter bis zum Kaufmann.

Die Grundsteinlegung zu den ersten Wohnhäusern „Am grünen Zipfel“ erfolgte im Juni 1909. Ende 1910 waren der Baugenossenschaft 419 Mitglieder beigetreten, die 454 Anteile hielten. Ende 1915 betrug die Mitgliederzahl 528, 345 Wohnungen waren fertiggestellt. Der anfängliche Geldmangel der Baugenossenschaft wurde durch Hypotheken der LVA getilgt, das Projekt Gartenstadt versprach auch Prestige.

Eine Zeitzeugin berichtet:

„Meine Straße, der Zipfel, war ein gestampfter Sandweg, den allenfalls mal der Möbelwagen der Deutschen Werkstätten befuhr. Am Ende der Häuserzeile weitete sich der Weg am Tordurchgang. Unter einer Kastanie stand hier die Bank, an der sich abends die Zipfelmänner trafen, um ihr Pfeifchen zu schmauchen, Arbeiter in Karl Schmidts Möbelfabrik, Tischler und Lackierer die meisten, der Gärtner, der Fahrer. Auch Schmidt selbst gesellte sich bei seinem abendlichen Rundgang hinzu, bei dem sich noch das eine oder andere für den kommenden Tag besprechen ließ.“ **

Für diese einfachen Reihenhaustypen vom Architekten Riemerschmidt war eine Jahresmiete zwischen 250 und 380 Mark bei einer Wohnungsgröße von 46 bis 85 m² vorgesehen. Deshalb bestand die Mehrzahl der Mieter aus Qualitätsarbeitern und Angestellten.

Der erste Weltkrieg beendete die Blütezeit der Gartenstadt Hellerau und der Baugenossenschaft. Nach dem Krieg stand die Baugenossenschaft kurz vor dem Ruin, der Verkauf von 336 Kleinhäusern an die bisherigen Mieter war die Rettung.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und Gründung der DDR wird Hellerau nach Dresden eingemeindet, die Baugenossenschaft wird 1959 in GWG Hellerau umbenannt, 1980 einstimmig aufgelöst und an eine AWG (Arbeiterwohnungsgenossenschaft) angegliedert.

Die deutsche Wiedervereinigung brachte auch für die Gartenstadt Hellerau neue Impulse. Seit 1992 gilt für das Gesamtareal eine Erhaltungssatzung. 2005 wurde die Gartenstadt in das Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ aufgenommen. So gehört Hellerau sicher zu den begehrtesten Wohnlagen der Elbmetropole Dresden. Die Idee der Baugenossenschaft von 1908 darf damit allerdings endgültig begraben werden.

Die Anteilscheine der Baugenossenschaft Hellerau eGmbH von 1909

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Von dieser kulturhistorischen Rarität lagen zwei Stück im RB-Schatz (Zustand IV). Gedruckt wurden sie bei Poeschel & Trepte in Leipzig. Sie tragen die Unterschriften vom Schriftsteller Wolf Dohrn und vom Kaufmann Hans Brader. Wolf Dohrn, geb. 1878, war an der Seite von Karl Schmidt wesentlich am Aufbau Helleraus beteiligt. Er verunglückte 1914 tödlich beim Schifahren in den Schweizer Alpen.

Die Druckerei Poeschel & Trepte wurde 1870 in Leipzig gegründet. Emil Trepte war Mitbegründer der Typographischen Gesellschaft in Leipzig. Die Firma entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer der bekanntesten Buchdruckereien Deutschlands. Während der Inflation wird die Firma zum Banknotendruck hinzugezogen. Im Dezember 1943 wird durch einen Bombenangriff auf Leipzig der Betrieb mit dem wertvollen Archiv und Schriftenbestand fast vollständig zerstört.

Marktübersicht Baugenossenschaft Hellerau

Ausgabeort

Datum

Nennwert

Bekannte Stücke

Marktpreis in €

Hellerau bei Dresden

31.03.1909

200

2 (RB)

430 bis 510

Hellerau bei Dresden

01.10.1918

200

0

 

Hellerau bei Dresden

08.05.1941

200

2 (RB)

200 bis 220

Zitate:

*Wolf Dohrn: Die Gartenstadt Hellerau-ein Bericht, 1908

**Mitteilungen für Hellerau, 08/2001

Quellen:

Thomas Nitschke: Grundlegende Untersuchungen zur Geschichte der Gartenstadt Hellerau, Band 1, Engelsdorfer Verlag 2005

Mirjam Rößger: Die Baugenossenschaft Hellerau in Dresdner Hefte # 51, 3/1997

Claudia Beger: Gartenstadt Hellerau Architekturführer, Deutsche Verlags-Anstalt München, 2008

Bildnachweis: Anteilschein Baugenossenschaft Hellerau: Archiv Werner Thiele

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