SCHRIFT

Bildende Kunst, Musik und Tanz unter alten Bäumen –
Hellerau zu Gast beim Festival „Offene Gärten“ in Podkowa Leśna

Anlässlich des Festivals Offene Gärten (Festiwal Otwarte Ogrody) war vom 1. bis 3. Juni eine kleine Delegation aus Hellerau zu Gast in Podkowa Leśna. Das von der Gemeinde organisierte Kunst- und Kultur-Wochenende fand schon zum 8. Mal statt und ist einer der Höhepunkte im Veranstaltungskalender unserer polnischen Partner-Gartenstadt in der Nähe von Warschau. Die Einladung ging vom kommunalen Kulturzentrum und von der Gesellschaft der Freunde von Podkowa Leśna aus und wurde von der Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit sowie von den Deutschen Werkstätten Hellerau, der Grundbesitz Hellerau GmbH  und dem Verein Bürgerschaft Hellerau e.V.  finanziell unterstützt. Ziel war es, den Austausch zwischen den beiden Gartenstädten zu befördern und Ideen für zukünftige Kooperationen im Bereich Kultur und Bürgerschaftliches Engagement zu entwickeln.

Festival-Banner

Unsere kleine Besuchergruppe, bestehend aus Andreas von Löwis und Gunther Wölfle (Arbeitsgruppe „Netzwerk Europäische Gartenstadt“) sowie Colin Ardley (Künstler und Ausstellungskurator in Hellerau), wollte aber nicht nur einen Bilder-Vortrag zur Geschichte und Gegenwart von Hellerau halten. Zusammen mit Wolfgang Gröger hatten wir schon Monate zuvor damit begonnen, für diesen Anlass zwei Ausstellungen vorzubereiten. Diese hatten wir rechtzeitig auf den Weg gebracht, um sie beim Auftakt des Festivals am Freitagabend im Kulturhaus von Podkowa Leśna (das ehemalige Kasyno) feierlich eröffnen zu können. Im Vortragssaal, wo wir vor ca. 80 Zuhörern unseren Vortrag hielten, wurde die Ausstellung Hellerau – Die Idee vom Gesamtkunstwerk des Deutschen Werkbunds Sachsen präsentiert. Im Obergeschoss wurde erstmals eine neu konzipierte Fotoausstellung mit Bildern des Dresdner Fotografen Lothar Sprenger gezeigt, Hellerau – eine ZeitAufnahme der letzten 20 Jahre.

Unser Vortrag und die Ausstellungen sorgten für rege Diskussionen und viele Gespräche. Das Hauptinteresse unserer polnischen Freunde galt den vielfältigen Kulturangeboten und gesellschaftlichen Events in Hellerau, außerdem Fragen des Denkmalschutzes und des Umgangs mit der gartenstädtischen und lebensreformerischen Tradition. Der Austausch setzte sich bis in den späten Abend beim gemeinsamen  Abendessen mit der Bürgermeisterin und Mitarbeitern des Kulturzentrums fort. An der Festtafel herrschte ein Sprachenmischmasch aus Polnisch, Englisch, Russisch und Deutsch.

Eröffnung der Ausstellungen über Hellerau

Samstag und Sonntag hatten wir Gelegenheit, viele der insgesamt ca. 50 Veranstaltungen in den Privatgärten zu besuchen. Dabei wurden wir von Marta, unserer persönlichen Dolmetscherin und Chauffeurin begleitet, die freundlich - aber bestimmt - auf die Einhaltung unseres straffen Zeitplans achtete: Wir besuchten Künstler-Ateliers, schauten uns unter Bäumen und zwischen Blumenbeeten Foto-, Gemälde- und Skulpturen-Ausstellungen an, kamen in den Genuss von Klassik-, Blues- und Schlagerkonzerten und beteiligten uns an afrikanischen Volkstänzen. Magda und weitere Dolmetscherinnen mussten Literatur-Lesungen und ein ganzes Theaterstück für uns dolmetschen.

Dabei muss man wissen, dass die Programmgestaltung allein den Bewohnern und Grundstückseigentümern obliegt, das Kulturzentrum als Organisator macht keinerlei inhaltliche Vorgaben. Entsprechend abwechslungsreich und teilweise exotisch waren dann auch manche Programmpunkte. Beispielsweise kamen die Besucher auch in den Genuss von praktischen Demonstrationen der chinesischen Ernährungslehre. … Überhaupt spielt Esskultur bei den Offenen Gärten eine große Rolle: Überall warteten Kanapees und andere Leckereien auf die Besucher.

Höhepunkt war am Samstagabend die Freilicht-Aufführung des Theaterstücks Babie Lato von Jerzy Kowalski, an der über 30 Bewohner von Podkowa Leśna mitwirkten. Das Besondere daran war, dass sich die historischen Ereignisse, die das Stück zum Thema hatte, tatsächlich 1944 in Podkowa Leśna und zwar in genau jenem Garten zutrugen: Hier war eine Gruppe jüdischer Kinder auf ihrer Flucht aus dem zerstörten Warschau versteckt worden.  

Der Sonntag stand dagegen ganz im Zeichen des Kinderfestes, das im Kulturzentrum und im angrenzenden Stadtpark stattfand. Hauptattraktion dort waren traditionelle ungarische Hirtentänze, bei denen Groß und Klein mitmachen konnten und auch die Gäste aus Hellerau am Ende von drei eindrucksvollen und anstrengenden Tagen noch mal ihr Bestes gaben.

Tanz im Garten

Ausstellung im Garten

Fazit

Die Gastfreundschaft, die vielen interessanten Begegnungen und das  große Interesse an Hellerau, das in den vielen Gesprächen zum Ausdruck kam, waren überwältigend. Wir wurden wie Staatsgäste behandelt, wurden exklusiv im Museum Jarosław Iwaszkiewicz und in der städtischen Bibliothek empfangen, bekamen Einladungen in manches Privathaus und jeden Abend wurden wir von einem anderen Gastgeber bewirtet.

Dabei wurde uns bewusst, dass es bei allen Unterschieden zwischen Hellerau und unserer Partner-Gartenstadt auch Parallelen gibt: Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs (und auch zur Zeit des Kommunismus) war Podkowa Leśna ein Zentrum des polnischen Kultur- und Geisteslebens: Viele Schriftsteller, Musiker, Bildende Künstler und Gelehrte lebten oder verkehrten in der Gartenstadt. Ähnlich wie in Hellerau spielt in Podkowa Leśna diese Tradition heute noch eine große Rolle im Bewusstsein seiner Bewohner und prägt das Öffentliche Leben. In der Besinnung auf Kultur und Bildung, Gestaltungsqualität im öffentlichen Raum, nachbarschaftliches Miteinander und Leben im Einklang mit der Natur sehen viele Bewohner eine Quelle für mehr Lebensqualität. Barbara Potkańska vom Centrum Kultury sieht Gemeinden wie Podkowa Leśna nicht umsonst als einen Teil der Slow-City-Bewegung: Als Gegenpol zur Schnelllebigkeit unseres Alltags und der zunehmenden Anonymisierung und Ökonomisierung unserer Gemeinwesen.

Formationstanz vor dem Kulturzentrum

Die Offenen Gärten leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Den Veranstaltern und Besuchern ist gemein, dass sie Kunst und Kultur, Musik, Begegnungen und gute Gespräche schätzen und ihr Zusammenleben dadurch bereichern wollen. In der weitläufigen Gartenstadt, wo sich Nachbarn vielleicht nicht ohne Weiteres auf der Straße begegnen, haben die Offenen Gärten daher eine nicht zu unterschätzende soziale Funktion.

Die schiere Fülle des Programms und die Originalität der Programmpunkte waren beeindruckend, die damit verbundene organisatorische Leistung verdient großen Respekt. Dies ist auch sicherlich nur möglich, weil ein kleiner Stab hauptamtlicher Mitarbeiter im Zentrum für Kultur und Bürgerinitiative (so die vollständige Bezeichnung) für die Offenen Gärten zuständig ist. Das Ganze funktioniert nicht zuletzt deshalb so wunderbar, weil die großen und stimmungvollen Gärten mit dem alten Baumbestand und der teilweise villenartigen Bebauung den passenden atmosphärischen Hintergrund liefern und selbst für einheimische Besucher immer wieder Überraschungen bereithalten.

Wir sind unseren Gastgebern sehr dankbar für diese Erfahrung und freuen uns darauf, möglichst viele von ihnen bald in Hellerau zu begrüßen und vielleicht auch bald einmal ein gemeinsames Projekt anzugehen.

Wer jetzt vielleicht neugierig geworden ist, Podkowa Leśna für sich selbst einmal zu erkunden, der sollte sich vielleicht jetzt schon das erste Juni-Wochenende im kommenden Jahr vormerken. Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit als die Offenen Gärten, um unsere Partner-Gartenstadt mit ihren kunst- und kulturbegeisterten Bewohnern kennenzulernen.

Gunther Wölfle

Fotos: Colin Ardley, Gunther Wölfle, Tomasz Potkański

Viel mehr Fotos sind auf der Webseite des Kulturzentrums zum Festival zu finden

Zur Gründung der Gruppe Netzwerk kam es 2008 im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für die 100-Jahrfeier unserer Gartenstadt. Frau Dr. Jaeger und Herr Wölfle von der TU Dresden organisierten vom 5.-7. Juni eine internationale Tagung zur Geschichte und Zukunftsfähigkeit der Gartenstadtidee. Im Rahmen dieser Veranstaltung schlugen sie vor, das „Netzwerk Europäische Gartenstadt“ zu gründen.

Netzwerk LogoDieses Vorhaben kam uns entgegen, weil wir zu unserer 100-Jahrfeier Vertreter anderer Gartenstädte einladen wollten und deshalb beabsichtigten, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Die Vertreter der Gartenstädte, die an der Tagung teilgenommen hatten, unterstützen die Gründung und waren sogleich bereit, dem Netzwerk beizutreten. Die Koordination des Netzwerkes, das ist im Wesentlichen die Betreuung einer Webseite mit allen Kontakten, wurde zunächst dem Verein Bürgerschaft Hellerau übertragen (und dort liegt sie noch heute).

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